von Thomas Günter

Die Giftbude am Weststrand
Die Giftbude am Weststrand

Ja, ich gestehe. Es ist eine Sünde.

Zwar keine Erbsünde und nachfolgende Generationen müssen sich auch nicht bis ins 37te Glied Asche auf ihr Haupt träufeln und sich von der Weltbevölkerung vorwerfen lassen, dass ihre Altvorderen, also ich und der Hund, der zweite Hund und die geliebte Ehefrau (die Allerbeste von Allen!), so wagten, zu handeln, dennoch ist es, und da beißt die Maus kein Faden ab, eine Sünde.

Die Sonne scheint, das Meer glitzert,

Sonnenaufgang über Norderney
Sonnenaufgang über Norderney

die Luft ist warm, der Spätsommer, der güldene Oktober, schlägt noch einmal mit Macht zu, aber ich, wir, sitzen in der Ferienwohnung und wagen kaum das Haus zu verlassen. Ein wichtiger Sicherheitshinweis zwischendurch, ich habe Frau und Hunde ins schwächelnde Lieblingsauto verfrachtet, kein Diesel, wie an dieser Stelle einmal anmerken möchte, und bin mit den Dreien in die verspätete Sommerfrische gebraust. Nur eine Woche, aber dennoch. Wir hatten es uns so schön ausgemahlt, mit den Hunden am Strand spazieren gehen, die Auslöser der diversen Fotoknipsen zum Glühen zu bringen, leckeren Fisch in die ohnehin andauernd überbeschäftigten Verdauungsorgane zu transportieren und ansonsten den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen und darauf zu hoffen, dass Gevatter Petrus uns mit annehmbarem Wetter verwöhnt.
Aber nichts dergleichen. Die ganze Insel gleicht eher einem Auffanglager für ständig besoffene Partyhansel. Dazu gesellen sich marodierende Horden, sich andauernd selbst verwirklichen müssender Familien, die ihre Brut den lieben, langen Tag schreiend und ohne Rücksicht auf Verluste, kreuz und quer durch die Gegend radeln lassen.
Dazu kommen die asozialen Horden der Freizeitpedalisten, die sich alle aufführen, wie weiland Attila der Hunnenkönig, als er mordend und brandschatzend durch Europa zog. (Den Vergleich mit dem schnauzbärtigen Ösel, der einst die Welt, vor achtzig Jahren, ins Unglück zu stürzen müssen meinte, darf man ja heute in dieser politisch so hoch korrekten Zeit nicht anwenden.) Kurzum, weite Teile der Republik gebärden sich äußerst asozial und stören erheblich unsere, meine Kreise.
Hätte die Bagage nicht nach Malle oder zu Erdogan mit einem Billigflieger düsen können?

Nein, sie müssen die Insel überrennen wie ein Sturmangriff.

Es ist so voll, dass kaum Luft zum Atmen bleibt.
Es wäre zauberhaft, sich irgendwo, an der frischen Luft, einfach mal für eine Stunde oder so, niederzulassen, die letzten Sonnenstrahlen zu tanken

Muscheln am Strand
Muscheln am Strand

und die Seele baumeln zu lassen. Allein der Rest neidet es uns. Jeder Platz ist belegt und alle schreien durcheinander, als wären sie selbst von ausgenachter Taubheit geschlagen.
Und das, bei der ausgemachten Misanthropie, die wir gelegentlich an den Tag legen.
Von daher begehen wir die schon beinah unverzeihliche Sünde, und sitzen in der Ferienwohnung, schauen allenthalben aus dem Fenster uns gruseln uns, wie der Plebs auf den Straßen, wie ein Bakterienhaufen, sich andauernd vermehrend, durch die Gassen und über den Strand wogt und wabert.

Es ist zum Heulen.

Buhne auf Norderney
Möwen ficht die Anwesenheit des gemeinen Touristen zum Glück nicht an!