von Thomas Günter

Und schon wieder Sonntag.

Beinah will es den Anschein erwecken, als eröffnete ich hier eine neue Kategorie. Denn am Tage des Herren schreib ich ein ums andere Mal einen Beitrag. Und doch landen sie alle in der Teestunde. Aber das ist auch gut so, wobei ich nicht mit dem ehemaligen Berliner Bürgermeister in einen Topf geschmissen werden möchte. Das ist nicht gut so.
Vielleicht liegt es auch daran, dass mein geliebtes Weib vor allem an diesem, faulen Tag der Woche. Der Sonnabend ist immer irgendwie mit der Besorgung der Lebensnotwendigkeiten vollgestopft, die Muße sucht und findet, ihren Knipsomaten in die Hand zu nehmen und in Ruhe das Umfeld einzufangen. Ganz wie ein Entomologe, der, in endloser Geduld, über Felder und Wiesen streift, um mit seinem kleinen Käscher allerlei Getier zu fangen und zu katalogisieren.

So nimmt sie sich die Zeit,

um durch die Gegend zu schlendern und die oben genannte, aufgeteilt in Bruchteile von Sekunden, auf dem Sensor für immer einzufangen.
Da kann ich ja, als treuliebender Ehegatte, natürlich nicht nachstehen und schnapp mir ebenso die Knipse, um es ihr gleich zu tun.
Der Schiedunter, ich erwähnte es bereits, liegt darin verborgen, dass ich danach die Küche einsauen darf, denn mir obliegt die Oberaufsicht über die Entwicklung des verschossenen Materials. Die Ausführung des magischen Hokuspokus, aus dem, der Sonne und den Reflexionen ausgesetzten Fotoemulsion auf Nitrozellulose, heute eher Polyester, die Umwelt in erblickbarer Form erscheint.
So auch gestern, den ich verfasse diesen kurzen Überblick über unser Tun und Lassen am Tag, der dem Mond gewidmet ist.

Die Einschränkung, die uns dabei zu schaffen machte,

obgleich mein Weib begeistert der Veranstaltung folgt, besteht im alljährlichen Marathon, dieser Massen- Großveranstaltung, die die Innenstadt für 24 Stunden von der Außenwelt abschneidet.

Der Kurs ist seit Anbeginn von so ausgemachter Bosheit,

dass jeder, der in der Mitte unserer Hauptstadt lebt, sich wie in einem Auffanglager für Aliens fühlt. Nichts geht mehr, die genervten Fahrer der Automobile rasen in panischer Hast nach rechts und links, um einen Ausweg zu finden, das Hupen der Signalhörner übersteigt bald den Trubel der Zusehenden. Alle sind genervt und dennoch wehrt sich niemand.

So auch an besagtem Sonntag.

Ich geb ja zu, dass dieses Ereignis viel Geld in die ewig klammen Kassen der Stadt zu spülen sucht, doch mir, als ausgemachtem Misanthropen, geht dies Gewimmel gehörig auf die Nerven. Trotzdem begab ich mich auch, wenngleich zu früherer Stunde, an den Rand der Strecke, in der Hoffnung ein bestimmtes Foto auf dem Film gebannt zu kriegen. Es ist geglückt!

Hier sehen sie das Ergebnis.

Longexposure Shot
Berlin Marathon
Longtimeexposure
Läufer beim Berliner Marathon

Und doch, der samstagnachmittägliche Spaziergang, der auch bereits eingeschränkt durch Rollschuhfahrer, die diesen Kurs bewältigen müssen, per pedes apostolorum, im näheren Umkreis stattfand, konnte mehr und schönere Eindrücke auf dem Filmmaterial bannen.

Dennoch wurde, ganz ohne unser zutun,

der Weltrekord geknackt, was sag ich, pulverisiert. Nach nur zwei Stunden und ein paar Sekunden rannte der Kenianer Eliud Kipchoge durch das Zielbanner. Danach wars dann auch langweilig.
Nach all dem Schweiß, der Gestern auf der Strecke vergossen worden ist, dacht ich mir, ich könne auch mal wieder meinen alabasternen Kadaver einer rituellen Reinigung unterwerfen.

Der Held dieser Geschichte,

machte sich fortan an Herd und Waschbecken, beschäftigt mit der Alchemie, zu schaffen, um, zu späterer Stunde dann, die entstandenen Momentaufnahmen durch Licht, Computerchips und Algorithmen zu digitalisieren.
(Irgendwie kann ich ja nicht aufhören, verquer, dass heißt, die Reimform aus meinen Texten ganz zu verbannen. Ich entschuldige mich nicht und schon gar nicht nachhaltig dafür.)

Orthodoxe Kirche Berlin
Orthodoxe Kirche Berlin Wilmersdorf

Auf diese Weise droht der nächste Datenträger an Überfüllung zu ersticken und ich Armer ich, muss schon wieder bald in ein Elektronikkaufhaus eilen, um Nachschub, für die ständig wachsende Zahl an Bits und Bytes, käuflich zu erwerben. Herrje was tu ich mir selber leid, da muss ich dann alles anfassen, beschnüffeln und überlegen, obgleich mir die Funktionen fremd sind, ob ich nicht was zum Spielen brauche.
Bei einer derartigen Aktion achte ich jedoch peinlich darauf, dass ich mir einen Zeitpunkt aussuche, an dem, außer dem Verkaufs- und Beratungspersonal, die Menge der übrigen Anwesenden sich auf ein Minimaß beschränkt. Sonst ergeht es mir wie beim Marathon, als ich schon nach wenigen Augenblicken und besagtem erfolgreichen Beschuss des Films, eilend das Weite suchte, um aus der Masse schnell wieder herauszukommen.

Schrebergarten
Kleingartenkolonie Hohenzollerndamm e.V.