von Thomas Günter

Schreiben! Schreiben! Schreiben!

Aber wie? Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, wie gehässig der blinkende Cursor schauen kann? Mit jedem Aufflackern geckert er uns ein: Na was ist? Haust Du jetzt in die Tasten? entgegen.

Dabei wollen wir ihm doch gar nichts Böses.

Im Gegenteil, wenn er, getrieben durch unsere Fingerchen, über den Bildschirm flitzt, dann entstehen daraus Geschichten. Abenteuer, die Irgendjemanden auf dieser Welt mitnehmen und aus dem grauen Alltag in eine bunte Welt der Phantasie, in einen Urlaub vom Alltag, eine Flucht aus den grausamen Zwängen der Gewohnheit, entführen. Und das ganz ohne die lächerlichen Nebensächlichkeiten, wie echten Kugeln ausgesetzt zu sein oder einem atmosphärischen Druckverlust zu entkommen, in dem man im letzten Augenblick in den Raumanzug schlüpft. Der Leser muss sich nicht wirklich den geifernden Fangzähnen einer Bestie aussetzten, und kann getrost zur Tasse Tee greifen, ohne zu fürchten, dass ein verzehrendes Gift von einem arglistigen Besucher hineingeträufelt wurde. Und dennoch darf er all diese Fährnisse erleben, spüren und die Spannung kosten.

Und doch blinkt das Biest.

Blinkender Cursor
Blinkender Cursor

Im immer selben Takt und Rhythmus. Er will uns seinen Willen aufzwingen. Versucht, durch schiere Hartnäckigkeit, unseren Geist zu brechen, als säßen wir, irgendwo tief in den Karpaten verborgen, in einer CIA Folterzelle.
Er hört nicht auf. Egal ob man die Entertaste drückt, nein auf sie hämmert, als könnte die was dafür, und den kleinen senkrechten Strich um eine Zeile verschiebt. Es ändert nichts. Er wartet, beschämend gleichmäßig, das wir in weitertreiben. Und wenn nichts kommt, dann starrt er uns an, verächtlich, herablassend.
Man könnte den Deckel des Computers schließen, ihn herunterfahren, vom Strom, seinem geliebten Lebenssaft, abschneiden und dennoch, all diese Maßnahmen führten ins Leere, denn just in dem Moment, in dem das Programm gestartet wird, und das Analogon des unbeschriebenen Blattes vor unserer Nase auftaucht, erscheint auch keck der kleine Widerling und tanzt auf der gleichen Stelle wie zuvor, wartend dass etwas passiert.
Und wie er da so lustig auf und ab springt, weist er den Weg zu seinem Urahn.

Der Stift, aus Blei, und Holz gepresst, der Füller mit der Feder, gefüllt mit Tinte, er liegt daneben. Die Spitze, die die Wörter, die Striche, auch ein Bild, auf weißem Grund entstehen lassen, sie weisen in unsere Richtungen, zeigen auf uns und prangern an. Schreiben! Aber was, wenn man so unter Beobachtung steht. Wenn alle um einen herum nur darauf warten, dass sie bewegt, betippt und beschrieben werden. Wenn sie uns mahnen: Du bist Schriftsteller, dann zeig es auch!

Dann versucht man, den kleinen Kerl zu überlisten,

indem man Worte, einfach so, ganz ohne Zusammenhang mit Hilfe des QWERTZ, andere benutzen den Herren QWERTY, entstehen lässt. Man kommt voran, die Buchstaben ergeben, zum Glück keinen Salat, sondern formen sich von ganz allein zu einem Thema, meist ohne Inhalt, doch das ist egal. Das interessiert den frechen Strich nicht. Er will nur bewegt werden. Jeder Atemzug, jedes ziehen an der Zigarette, ein Schluck Tee, lassen ihn innehalten und uns erneut abgefeimt, voll kleiner Bosheit, anschauen mit der gleichen Frage: Wars das schon?
Wir wollen ihm zurufen, dass auch die Finger mal ne Pause brauchen, die armen Kuppen schon fast blutig, vom vielen Tippen, in Fetzen von den Knochen hängen.
Er aber treibt uns an, mit der Härte eines Aufsehers, der bei den Galeerensklaven die Peitsche schwingt. Und dabei grinst er weiter bei jeder Pause hämisch, so als hebe er gleich die Knute und überschüttete uns mit bodenloser Häme.
Doch irgendwann, in einer fernen Zukunft, einem Morgen,

der noch nicht als Silberstreif

am Horizont erscheint, doch von dem wir in unserer tiefsten Seele wissen, dass er da ist, gibt uns der Cursor frei.
Er hält dann inne, am Ende einer Geschichte, gütig steht er da, noch immer blinkend, doch nun mit einer anderen Botschaft. Die lautet dann: Na siehst Du, war doch gar nicht schlimm, und Ideen hast Du auch noch.

Bist zum nächsten Mal, wenn wieder alles auf Anfang steht.

PS: Die Verwandtschaft dieses Widerlings ist weitläufiger als Sie zunächst vermuten würden. Sein entfernter Cousin wohnt auf der Kamera. Genau, jenes technisch optische Wunderwerk, durch das wir den Moment einfangen und auf ewig bewahren können. Diese bildhafte Zeitmaschine unsere Erinnerungen. Es ist der Auslöseknopf. Der kleine Hebel, meist auf der Oberseite, der dem Fotografen sagt: Nun drück mich schon, oder traust Du Dich nicht. Such Dir ein Motiv und dann banne es. Du Feigling, mach, sonst ist der Augenblick vorüber!

Kameraauslöser
Pentax ME Auslöser