Tag elf, bei diesem Wetter jagt man keinen Hund vor die Tür:

Ein Wunder ist geschen. Nicht gerade ein Weihnachtswunder, aber dennoch so bemerkenswert, dass ich meine Füße beschwingt aus dem Bett schmeiße und meinen alabasternen Kadaver gleich hinterher. Es ist kurz nach sechs Uhr am Morgen, als ich meine Äuglein öffne.

Die innere Uhr, Taktgeber meines Lebens, Zuchtmeister meiner Zeit, hat zwar nicht versagt, aber geschlampt.

Freudig mit Kännchen und Tasse klappernd, bereite ich mir den ersten Espresso zu. Der Hund schiebt abgeklärt seine schwarze Nase unter der Decke hervor, betrachtet mich und mein Tun mit ausgeprägter Skepsis und schnarcht dann weiter.
Auf, auf Geselle, Begleiter meines unwürdigen, irdischen Jammertals, schwing die Hufe, besser die Pfoten, lass uns vorwärts stürmen, wo Engel furchtsam weichen. Ne, das ist Star Trek. Und so früh am Morgen, in der Dunkelheit, bekomme ich die Töle noch nicht aus dem Bett.
Immerhin habe ich eine viertel Stunde länger geschlafen.
Dann ich wasche ich eben ab. Zu Tasse, Teller und Messer sind noch ein Teelöffel und ein Glas gekommen.
Außerdem ist eine Woche vergangen, sodass ich den Computer anschmeiße, ihn mit dem Handy, dem Smartphone koppele, um eine Internetverbindung herzustellen und endlich ein Update des Virusprogramms installieren kann.
Egal, dass ich dabei einen großen Teil meines Datenvolumens verbrauche, ich war nie der große Surfer im Internet.

Die Anbindung ist dabei so langsam, dass ich befürchten muss, mein Laptop schläft in der Zwischenzeit ein.

Doch der kleine Tisch in meinem Appartement ist belegt, so dass ich nichts weiter tun kann, als mit dem Hund eine ausgedehnte Frührunde zu laufen und ein bisschen Window Shopping zu veranstalten. Die günstigste Variante des Einkaufsbummels und deshalb, besonders im Urlaub, für mich sehr attraktiv.

Der Winter ist zurück. Mit aller Macht.

Das Meer tost und wütet. Mit Urgewalt werfen sich die heranrollenden Wellen gegen die Deiche und Bollwerke, geschaffen von Menschenhand. Fast scheint es, als wolle es mit gewaltigen Klauen das Land unersättlich herausreißen.
Der Sturm brüllt und tobt mit großer Kraft.
Die Wolken jagen, zerrissen, über den Himmel. Dahinter leuchten das Blau des Firmaments und die fahle Wintersonne.
Hagel peitscht das Gesicht und Möven stehen wie schwerelos in der stürmischen Luft oder stürzen sich kreischend zum Ozean herab.

Möven
Möven im Wintersturm

Die Spitzen ihrer Flügel durchschneiden dabei die Gischt der schäumenden Wellen, doch die sturmerprobten Vögel scheinen den wilden Ritt zu genießen.
Mit zarten Farben und doch durch nichts zu zerstören, wölbt sich ein Regenbogen über der Szenerie und verleit dem Chaos Ruhe.
Der Mensch, ich, fühlt sich, wie einst der Fischer, der seinen kargen Lebensunterhalt im Kampf mit den wütenden Elementen der Natur abtrotze, in seinem Nachen die See bezwang, auf dem doch jeder Fehler tödlich sein konnte.
Schauer umströmen mich, sowohl vor Kälte als auch vor Ehrfurcht.
Gleich dem harten Seemann an der Reling, stehe ich an der Kante der steinernen Bewehrung und trotze dem Spektakel.
Na gut, wenns mir zu viel wird, gehe ich in ein nettes kleines Kaffeehaus, trinke einen Tee und labe mich an einem Stückchen Kuchen. Das ist der Unterschied zwischen dem tapferen Recken der See und mir.
Außerdem findets die Töle ziemlich blöd. Seine Ohren flattern unkontrolliert im Wind und bei dem Sauwetter geht die Zahl der potentiellen Spielkameraden praktisch gegen Null.
Dazu kommt, dass ihm kalt ist, er ist als echter Südländer für diesen Aufruhr der Naturgewalten definitiv nicht geschaffen. Ihm liegt mehr die Schwalbe, also die Fußballerische. Bevor ein Gegner mehr als zwei Meter an ihn rankommt, schmeißt er sich bereits Zeter und Mordio bellend zu Boden. Ein Quell ständigen Amüsement.