von Thomas Günter

Aufwachen, die Tassen Kaffee eins, zwei und drei trinken, nach dem Wetter linsen, noch ist es dunkel, auf die Uhr schauen, ob ich es schon wagen kann, der Frau einen guten Morgen zu wünschen, es ist noch immer dunkel und dem Hund beim Schnarchen zuschauen, das sind die Handlungen der ersten viertel Stunde, nach dem Erwachen; pünktlich um kurz vor sechs am dunkelsten Morgen.

Es geht schon beinah auf halb sieben zu.

Erhol dich, entspann dich, du musst nie wieder.
Doch die Unruhe, das Getriebensein von der Hektik des prallvollen Arbeitstages, lässt mich nicht los.
Nach der Morgenrunde und einem ausgiebigen Frühstück, ich kaue jeden Bissen mindestens fünfzehn Mal, wenigstens soll das Gedärm das Gefühl bekommen gebraucht und sinnvoll zu sein, außerdem erlange ich auf diese Weise ein Sättigungsgefühl.
Überhaupt, auch das ist etwas, das ich erst wieder lernen muss, in Ruhe zu essen und die Dinge, die vor mir auf dem Teller zu liegen kommen, auch zu genießen.

Der Figur tut es sowieso gut.

Später am Vormittag, nachdem der Hund verdaut hat und ich die Hausarbeit zu meiner Zufriedenheit beendet habe, meiner geliebten Frau würde es natürlich nicht reichen, denn sie fände hier und da ein Stäubchen, gehen die Fellnase und sein Animateur, ich, ausgedehnt am Strand spazieren.
Gewöhnlich ist die Nordsee um diese Jahreszeit touristisch verschont. Weihnachten ist vorüber und der Fasching, die Fastnacht, der Karneval hat noch nicht begonnen.
Die kurze Zeit des Jahres, in der der Insulaner zur Ruhe kommen kann und nur die Gäste an die Nordsee fahren, die sich den Sturm um die Ohren wehen lassen wollen und dick verpackt über den Strand gehen, dem Geschrei der Möwen lauschend und den Blick undefiniert übers Wasser schweifen lassend.
Hier kann ich genüsslich meiner Misanthropie folgen und den Spaziergängern, denen ich begegne, vernichtende Blicke zuwerfen. Ich übe mich sogar in Darth Vader Methoden und versuche die Anderen durch die pure Kraft meiner Gedanken vom Strand verschwinden zu lassen und wenn das nicht funktioniert, sie zumindest mit einem Röcheln in die Knie zu zwingen, so dass sie diesen Ort nie wieder aufsuchen wollen.
Trotz vierzig Jahren intensiven Trainings will es mir nicht gelingen. Also beschränke ich mich nur auf den verächtlichen Blick.

Vor vielen Jahren überkam mich eine Epiphanie.

Ich wunderte mich, warum die wenigen Wandersmänner, denen ich an der Wasserkante begegnete, mich ebenfalls unwirsch beäugten. Mit einem Schlag wurde mir klar, dass auch sie sich durch meine Anwesenheit in ihrer selbstgewählten Einsamkeit und Muße gestört fühlen.
Seither betrachte ich diese Menschen mit einer gewissen Großherzigkeit und gönne ihnen zumindest einen kleinen Teil des Strandes.
Verzweifelt laufe ich mit hohem Tempo so viele Wege, durch die Dünen, ab, wie es nur geht. So wie ich es immer tat, um …, ja warum eigentlich.
In den vielen Jahren zuvor, in denen ich, sofern es möglich war, zumindest ein langes Wochenende, ob nun mit oder ohne dem mir angetrauten Weibe, herauszuschinden in der Lage war, bin ich, koste es, was es wolle, in Achten, Kringeln und sinnlosen Kreisen über die Insel gegangen, nein gehetzt und gejagt, um möglichst viel zu erwandern. Was im Nachhinein betrachtet auch nur eine geringe Sinnhaftigkeit beinhaltete, obwohl ich mich dennoch zwar nicht erholt, aber zumindest eine Nuance weniger gestresst fühlte.
So gehen die Fellnase und ich den Strand entlang und ich hänge meinen Gedanken nach, oder besser, versuche mir, immer wieder ins Bewusstsein zu rufen, dass ich den Tag, die Stunde, die Minute genießen soll.
Abendbrot, letzte Runde Gassi, damit die Töle ruhig schlafen kann, das Buch in der Hand und mit dem Daumen auf der Sendertaste der Fernbedienung. Mal sehen wie schnell ich die vierunddreißig Programme durchzappen kann und dabei sogar erkenne, welcher Stumpfsinn in der Glotze läuft. Immer das Gleiche, seit Jahr und Tag.
Wieder vierundzwanzig Stunden meines Privattierdaseins herumgebracht. Zur Ruhe bin ich nicht gekommen.

Nicht im Ansatz.