Die Reise geht weiter:

von Thomas Günter

Pünktlich, zehn Minuten vor sechs, wache ich auf. Mein ganzer Organismus, meine innere Uhr sind darauf trainiert. Im ersten Moment huscht es mir durch den Kopf mit den ungewaschenen Haaren, dass ich aufspringen muss, um mich fertig zu machen, aber dann fällt mir ein, dass ich ja liegen bleiben könnte oder zumindest in Ruhe die erste Tasse Kaffee genießen kann.

Der Hund öffnet gequält ein Auge und späht verschlafen aus seinem Körbchen.

Dann grunzt und seufzt er vernehmlich, dreht sich um und gibt mir unmissverständlich zu verstehen, dass er mich für geisteskrank hält, aber geeignete Maßnahmen erst nach seinem Aufwachen ergreifen wird. Solange solle ich mich bitte gedulden, meine schwarze Plörre trinken, aber dabei gefälligst keinen Lärm machen.
Nun ist es zehn Minuten nach sechs. Leise, um die Fellnase nicht zu stören, er braucht seinen Schönheitsschlaf, sonst bekommt er Falten, und ich müsste die Botoxbehandlung bezahlen, und wer will das schon, zumal bei einem Hund, koche ich mir eine zweite Tasse Kaffee.
Das wird ein lustiger Spaziergang. Hoffentlich sind zu dieser frühen Stunde noch nicht so viele unterwegs, so dass ich einigermaßen ungestört Bäume und Büsche mit meiner altersschwachen Prostata missbrauchen kann.
Während ich die dritte Tasse in dem kleinen, italienischen Schraubkännchen zubereite, überlege ich, ob ich meine geliebte Ehefrau durch einen Videoanruf sanft wecken sollte. Erstaunlich, was die moderne Technik zu leisten vermag; Videoanrufe, ganz unproblematisch und real.
Dabei erinnere ich mich an einen Artikel, geschrieben Anfang der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts, in einer großen, damals eine der wenigen, deutschen Fernsehzeitungen. Es ging in diesem Pamphlet um die Vorstellung einer neuen britischen Science Fiction Serie, das wunderbare Mondbasis Alpha 1.

Adler aus Mondbasis Alpha 1
Adler aus der Serie Mondbasis Alpa 1

Es wurde darin erklärt, dass die kleinen Kommunikatoren, die von der Besatzung getragen wurden, in denen ein winziger Bildschirm integriert war, niemals existieren werden, da es so kleine Röhrenfernseher gar nicht geben könne, geschweige denn in Farbe. Ich möchte mal behaupten: Tja, verkackt liebe deutsche Redakteure. Eure Phantasie war noch nie ausreichend und Zukunftsvisionen habt ihr immer in´s Kinderfernsehen abgeschoben.

Mein Finger schwebt über dem Display des Smartphones,

aber im letzten Augenblick zucke ich zurück, mir schwant, dass es noch zu früh ist. Es ist noch nicht einmal halb sieben, somit warte ich noch ein wenig und koche zunächst eine weitere Tasse Kaffee.
Zum Glück bin ich ein Koffein- und Teeinjunkie. Sonst flatterten mir jetzt die Hände und das Herz und ich verschüttete das Pulver.
Auffegen kann ich das Malheur auch nachher noch. Glücklicherweise ist kein Handfeger im kleinen Ferienapartment, so dass ich eine Aufgabe für heute habe, ich erwerbe käuflich einen hübschen Solchen, wenn möglich in den Farben meines Vereins.
Endlich bequemt die Töle sich von ihrem Schlafplatz hoch, nun sollte es aber schnell gehen.
Im selben Moment erschallt der sinnfreie Klingelton meines Handys und das geliebte Weib ruft mich an, über Video. Hurra! Nach der Frage über die Qualität meiner Nachtruhe, wird mir, ohne die Antwort wirklich abzuwarten, mitgeteilt, dass sie keine Zeit habe und dringend zur Arbeit müsse; noch ein gehauchter Kuss und schon ist das Gespräch beendet.

Nun gut, der Hund drängelt sowieso, er möchte seine sozialen Kontakte pflegen und außerdem seinen hundischen Bedürfnissen nachgeben.

Von daher kleide ich mich zügig an, lege der Töle das Geschirr um, verlasse das Haus, warte geduldig, vom Wintersturm umtost, dass der gnädige Herr eine Stelle findet, die seiner Markierung würdig ist, laufe weiter, um dreißig Zentimeter später erneut stehen zu bleiben, da er einen weiteren Punkt erschnüffelt hat, der einer Kennzeichnung adäquat scheint.
Schließlich erreichen wir doch noch den Strand und die Fellnase kann ungestört ihren Aktivitäten folgen, was unsere geliebten Vierbeiner halt so machen. Vor allem warten, dass sie bespielt werden, wenn kein anderer Hund da ist, mit dem er rumtollen können.
Zurück in der Wohnung wird ausgiebig gefrühstückt, auf irgendeine Weise muss ich den Tag ja rumbringen.
Ich könnte lesen, mir Notizen machen für den großen vaterländischen Roman, den ich anstrebe, mir am großen Zeh polken oder einfach die Ruhe und die freie Zeit genießen, stattdessen wasche und trockne ich das Geschirr ab; umständlich und langwierig, um die Spanne zu verlängern, schließlich besteht der Abwasch nur aus einer Tasse und einem Teller, gefolgt von einem Frühstücksmesser plus einem Eierlöffel. Immerhin sind es vier Teile, verloren in den Untiefen eines kleinen Ferienwohnungsspülbeckens.
Den Kauf des Kehrbesens verschiebe ich auf Nachmittag, der Tag ist schließlich so lang.