von Thomas Günter

Nachtrag von Gestern: Die Bilder sehen auf dem Bildschirm des Zimmerflakfernsehers, immerhin hat das gute Teil 55 Zoll, grandios aus.

Sonnenundergan
Sundown auf Mallorca

Nach dem durchschlagenden Erfolg der Scanaktion habe ich begonnen, die Bilder systematisch zu digitalisieren. Begonnen habe ich mit den ersten Gehversuchen vor annähernd vierzig Jahren.
Ein Teil der Negative wies schon einen leichten Gelbstich, vor allem die endständigen Bilder an den Schnittkanten, auf. Also höchste Zeit sie, für mich als Datenmessi, zu speichern.
Während ich mich so durch das Film-, Bilder- und Negativkonvolut arbeite, auch auf der Suche nach bestimmten Bildern, mache ich in meinem ohnehin verschrobenen Geist

(ich bin nicht verhaltensauffällig, ich bin originell)

eine recht erstaunliche Entdeckung.

Wasserfall
Österreich Krimmelfälle

Es ist faszinierend, dass sich die kleinen grauen Zellen auch nach mehreren Dezennien noch an einzelne Schnappschüsse erinnern und die Finger von ganz alleine auf die Suche nach diesen Zeitkapseln sind. Erst nachdem diese gesichtet wurden, finden andere Ablichtungen der Matrix oder wie auch immer wir unsere kümmerliche Existenz zu titulieren versuchen, Eingang in das Bewusstsein und können verarbeitet werden.
Die gesamte Sammlung meiner knipsologischen Versuche beinhaltet auch, wie bei vielen anderen ebenso, eine große Zahl an Urlaubserinnerungen. Die Reisen, die ich mit diversen Damenbekanntschaften in jungen Jahren unternahm, führten mich durch halb Europa.

Namentlich Italien, Malta, Österreich und Italien. Dann noch Italien, Italien und ein bisschen Italien.

Sizilien
Tempel in Agrigent

(Hmmm. Das Land unserer fußballerischen Nemesis kommt irgendwie öfter vor. Gut streichen wir halb Europa und beschränken wir uns auf das Land, in dem zwei Stromkabel zusammen geknotet werden können und die Lampe dennoch leuchtet. Der Papst wacht halt drüber).
Damit komme ich endlich zu meiner bemerkenswerten Entdeckung:
Die Erinnerungen an die Verflossenen. Ich schaue mir die Fotos im Schnelldurchlauf an, um zu erfahren, um welchen Kleinbildfilm es sich handelt, auch dabei überrascht mich mein Gedächtnis. Schon nach ein oder zwei Fotos ahne ich, ob ich jetzt scanne oder nur ein Motiv aus siebzehnmillionendreihundertfünfundziebzigtausendvierhundertundelf Perspektiven immer und immer wieder abgeknipst wurde oder ob eine nette Serie auf mich wartet.

Ich schwelge nicht in nostalgischen Erinnerungen,

Mallorca
Sundown am Mittelmeer

suhle mich nicht in schmerzhaften Retrospektiven und verfalle nicht einer stumpfsinnigen Trauer, ob verpasster Chancen. Mein Leben ist gelaufen, wie es gelaufen ist, ich kann es sowieso nicht mehr ändern.
Nein, die Epiphanie, die mich schmunzeln lässt, ist folgende. Ich betrachte die ersten Bilder, weiß, um welchen Urlaub und die dazugehörige weibliche Begleitung es sich handelt und mir platzt heraus: Och nö, die dumme Kuh! Meine Ehefrau, die beste von allen, weiß, dass ich kein Kind von Traurigkeit war, und möchte dann wissen welche. In aller Regel muss ich antworten: Von der hab ich noch nie was erzählt. Das wird dann meist mit einem: Aha! Kommentiert und ich scanne, argwöhnisch beobachtet, weiter. Oder besser, ich unterbreche den Vorgang, da mich mit einem Mal der Eindruck beschleicht, das diese Aufnahmen keine Rechte mehr hätten, bis zur Zombieapokalypse in digitaler Form zu überdauern.

Spätsommer
Taormina Sizilien

Obgleich ich nicht mit Unbill an die Verflossene zurückdenke,

beschleicht mich doch das Gefühl, dass die Erinnerungen, die verloren gegangen sind, nicht wieder gefunden werden müssen. Bei anderen herrscht komplette Neutralität. Und dann gibt es noch die, bei denen mir einfällt, dass wir seinerzeit zwar keine Zukunft hatten, aber die Periode, die wir gemeinsam durchs Leben gingen, der Archivierung unbedingt wert sei.
Und da die meisten Urlaube in den Achtzigern und zu Beginn der Neunziger, als Student hatte man es nicht so dicke, eh im Land der Squadra Azzura stattfanden, wiederholen sich die Fotos sowieso, so dass eine einmalige Rettung des immer gleichen Motivs vollkommen ausreicht.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s