Am frühen Morgen, die Sonne ist noch nicht aufgegangen,

sitzen der Vierbeiner und

sein Dosenöffner, also ich, im Auto und brausen über die Autobahn. Eigentlich schleichen wir von Stau zu Stau.
Irgendwer hat vergessen, allen anderen Autofahrern mitzuteilen, dass ich heute gerne freie Fahrt hätte.
Es ist nicht so, dass ich auf der Flucht wäre, ich fahre nur gegen die Zeit, beziehungsweise, gegen die kleine Fähre, die uns an der Nordsee vom Festland auf die Insel bringen wird.
Mit einem Mal durchzuckt mich der Gedanke, dass meine Frau mich, analog einem

Strafgefangenen in den dreißiger Jahren in San Franzisko, nach Alcatraz,

gezielt auf eine Insel geschickt hat, damit die Möglichkeiten zur Flucht minimiert sind.
Ich wische den Geistesblitz aus meinen Gedanken, aber so richtig will er nicht verschwinden.

Alcatraz
Gefangeneninsel Alcatraz (Bild Pixabay)

Nervös trommele ich auf dem Lenkrad. Seit über zwei Stunden bewegen wir uns keinen Meter voran. Eine Vollsperrung blockiert die Autobahn. Ich habe Urlaub und eigentlich auch Zeit, die hatte ich nämlich in die Planung mit eingerechnet, um möglichst früh auf besagter Insel zu landen, aber die Blasen, meine und die des Begleiters, fangen an zu drücken.

Ich hätte doch nicht so viel Kaffee trinken sollen.

Außerdem schwindet mit jeder halben Stunde Verzögerung und Stillstand, die Chance überhaupt noch rechtzeitig den Fährhafen zu erreichen. Schließlich fährt die letzte Fähre, die Fahrzeuge transportiert, um achtzehn Uhr dreißig.
Endlich, nach langem Bangen und Harren freie Bahn für freie Bürger.
Wir nutzen die freie Strecke, um am nächsten Rastplatz zu pausieren, und den Bedürfnissen, unserer vom Alter gezeichneten Körper, nachzugehen.
Nach der Erleichterung beginne ich im Tiefflug die deutsche Autobahn zu überqueren. Nun sind wir doch in erheblichen Zeitdruck geraten.
Die telefonischen Hinweise meiner Gattin, ich hätte doch Urlaub, dann käme ich eben eine Tag später auf der Insel an, wische ich unwirsch beiseite.
Noch ist meine innere Uhr auf einen Jahrzehnte gewohnten Zeitplan eingetaktet. Der Verstand weiß zwar, dass kein Zeitdruck mehr besteht, dass ich Herr über meine Tage und Nächte bin und nicht mehr die Uhr sowie die Pflicht gegenüber den Angestellten, dem Finanzamt und den Sozialkassen habe, allein, im Gefühl ist es noch nicht angekommen.
Während ich, die nun leere bundesdeutsche Schnellstraße entlangjage, nur die Winterreifen limitieren mich in meinem Geschwindigkeitsrausch, will mir mein Unterbewusstsein einreden, dass ich unverzüglich mit der Erholung zu beginnen habe, schließlich ist die Zeit begrenzt. Meine Ratio versucht, mantraartig, dagegenzuhalten, dass ich nicht mehr einer solchen Einschränkung unterliege.

Doch der Verstand verliert die Auseinandersetzung und ich setzte mich selber unter Druck.

Gleichzeitig beobachte ich gespannt,  wie in einem Selbstexperiment, wenn auch nicht so verdreht wie Jerry Lewis in der verrückte Professor oder Doktor Jekyll und Mister Hyde von R.L. Stevenson, wie hin- und hergerissen ich bin. Echte Freude über die gewonnene Freiheit kann auf diese Weise nicht aufkommen.
Hab ich überhaupt genügend Bücher eingepackt und Speicher?
Die nächste Raststätte ist unsere. Hund und Herr werden von gefüllten Blasen gequält.
Unser Weg führt uns weiter, in dennoch atemberaubender Geschwindigkeit, gen Norden. Die tiefstehende Wintersonne blendet mich von der Fahrerseite, so dass ich die Sonnenblende zur Seite schwenke, um nicht zu erblinden oder zumindest einen fatalen Augenschaden zu erlangen, die Kucker sind eh schon schlecht genug und die Brillengläser dick wie Colaflaschenböden. Mittlerweile sind solche Böden erstaunlich dünn und fragil geworden, ein Hoch auf die Schleif- und Computertechnik.
Nach der Hatz über den Asphalt, bei der ich mir fast wie Luke Skywalker, bei seinen rasanten Flug über den Todesstern, vorkomme, erreichen wir erstaunlich früh den Hafen und rollen als letztes Fahrzeug, beinah mit einem Sprung von der Landungsbrücke, auf die Fähre.

Norddeich Fähranleger
Bild Pixabay

Urlaub, wir kommen!

Die See ist glücklicherweise ruhig, so dass ich eine erste Tasse Tee genießen kann, der Vierbeiner labt sich derweil an einem Pott Würstchen. Sonne
Wir erreichen das ersehnte Eiland so rechtzeitig, dass sogar noch ein erster Spaziergang mit rotem Sonnenuntergang am Weststrand möglich ist. Danach erhält die Fellnase ihr wohlverdientes Abendbrot und der Hundepapa und jetztige Privatier seine erste Portion frischen Fisches.

Ein Gedanke zu “Tag sieben, den ich auf der Autobahn verbringe:

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