von Caterina di Montebasso

Gestern, am Sonntag dem 18.03.2018, war ich das erste Mal auf der Leipziger Buchmesse.
Unser verehrtester Dealer hat uns gedungen, ihn zu begleiten. Ich weiß gar nicht mehr womit. Offenbar gingen Folter und Gehirnwäsche so tief, dass wir ihm kommentarlos nachgefolgt sind.
Ich könnte mich jetzt seitenweise über die Unbill der Deutschen Bahn auslassen. Ausgesetzte Züge, Verspätungen, unverständliche Durchsagen, die sich anhören, als kämen sie aus einer anderen Dimension.

Das Chaos hielt fröhlich Einzug wegen Wintereinbruch mitten im Winter.

Gab es einen Brennpunkt? Keine Ahnung, aber wenn nicht, war es auch keine Krise.
Wir beide, Thomas und ich, haben unseren Lebensmittelpunkt in Berlin. Da war es recht schattig und windig. Eigentlich ein Wetter für lange Unterhosen und die Mütze mit dicker Jacke und Handschuhen. Dieser Dresscode ist auf einer Messe, man kraucht den ganzen Tag durch geheizte Hallen, eher die zweite, wenn nicht sogar die dritte Wahl. Man kleidet sich also praktisch und eher frühlingshaft. Hin- und Rückfahrt sollen im Zug stattfinden, da sollte es auch leidlich klimatisiert sein.
Die Nachrichten berichteten am Sonnabend ausführlich über das Wetterchaos.
Als wir nach kalter Odyssee endlich doch noch ankamen, zeigte sich uns das ganze Drama. Es waren mindestens zwei (in Zahlen 2) mickrige Zentimeterchen Schnee gefallen. Und die Bahn scheitert kläglich. Das ist beschämend.
Doch ich wollte ja von der Messe berichten. Die Rückfahrt war nicht besser. Aber das ist eine andere Geschichte und soll später einmal die Enkel erfreuen, wenn die sich von einem Ort zum anderen Beamen lassen werden.

Ich kenne meine Astrophysiker Kongresse. Die sind nicht heranzuziehen.

Thomas besuchte im Zuge seiner Selbstständigkeit einen Haufen internationaler Messen und war ob der Luftigkeit sehr angetan. Alles geht gemütlich voran, es herrscht nirgendwo hektisches Gedränge, in dem die Frage nach Atmung schon nicht stellbar ist, weil der Sauerstoff fehlt.


Oder anders ausgedrückt, wir konnten beide unsere Misanthropie nicht ausleben.
Nicht, dass sie den falschen Eindruck gewinnen, es wäre kein Besucherandrang, der ist da, zum Glück, bedeutet es doch, dass noch immer sehr viel gelesen wird. Es wurde nie stressig. Lesen bedeutet halt auch Ruhe und Gelassenheit, nicht die Optimierung des Workflow, um noch irgendwo eine Zehntelsekunde herauszupressen und die Aktionäre mit höheren Dividenden, koste es was, es wolle, zu erfreuen.
Gemütlich ist der passende Ausdruck. Die Leipziger Buchmesse ist gemütlich, im besten Sinne des Wortes.

Couch
Poetencouch

Irgendwann sitzt man, fußlahm, gemütlich an eine Wand voller Poster gelehnt, kaut versonnen auf der mitgebrachten Stulle und sieht die Füße und Beine vorbeischlendern.

Besucher

Voller Bewunderung für die Kostüme der Cosplayer,

die in großer Zahl auf der Messe herumwandern. Ich war erstaunt über die Liebe und Sorgfalt mit der diese Fans ihre Verkleidungen selber gestalten und, zurecht, stolz präsentieren. Immer bereit, wenn man sie anspricht, ob es in Ordnung wäre, sie zu fotografieren. Dann posieren sie und freuen sich sehr über den Zuspruch. Als schillernde Figuren ragen sie aus der Menge der Besucher heraus und fallen doch nicht auf. Sie sind ein Teil, ein wichtiger Teil, des Organismus Buchmesse.
Während ich also am Boden lungere und den gröbsten Hunger und Durst stille, stolpere ich über ein Interview mit Peter Scholl-Latour, das die Beitrittsproblematik der Türkei in die EU beleuchtet. Der ewige Mahner schwadroniert, wie immer, über den Untergang des Abend- und des Morgenlandes.


Kann man drüber denken, wie will man. (Ja soll so schräg sein. Oder wie der, leider viel zu früh verstorbene, Vater von Thomas immer gesagt hat: Schitt, ick gloobs).
Mir drängte sich in diesem Moment der Gedanke auf, dass die Besucher der Messe, besonders die Kostümierten, zumindest für den Augenblick die glücklicheren Menschen sind. Sie haben sehr viel Zeit und Hingabe investiert, um sich so zu präsentieren, wie es ihnen gefällt. Für den Augenblick kümmern sie die globalen Probleme nicht, die wir, wenn sich die Menschheit nicht grundsätzlich, zum Beispiel im Sinne von Gene Roddenberry, ändert, auf absehbare Zeit lösen werden.

Es sind doch solche Momente, die das Leben Lebenswert machen,

die uns Freude und Zufriedenheit, innere Ruhe und Kraft geben. Momente in der wir glücklich sind, sein dürfen, und die uns niemand mehr nehmen kann.

Ich wünsche allen Menschen da draußen viel mehr solche Augenblicke, viel Spass beim nächsten Buch oder Film und eine schöne Woche; ohne Bahnfahrt.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s