von Thomas Günter

Es ist jetzt dreizehn Uhr zweiundzwanzig. Zum fünften Mal lasse ich auf meinem Computer einen Virusscan durchlaufen. Der Letzte fand vor einer halben Stunde statt und es hat sich, erstaunlicherweise, nichts geändert.
Nach annähernd Dreißig Jahren in der Gesundheitsdienstleistung treiben die innere Uhr und vor allem die Unruhe mich vorwärts. Offenbar vergisst oder verlernt man, nach einer so langen Periode, in der man andauernd gegen die Zeit arbeitete, diese zu genießen.
Zwar ist noch eine Menge Verwaltung zu erledigen, bis alles endgültig abgewickelt ist, dies passiert jedoch in kleinen Häppchen.
Heute Morgen war ich mit dem Hund gassi, aber das gehört zum Tagesablauf. Danach stand ein Besuch beim Tierarzt an, der war geplant, eine reine Untersuchung, und lief viel schneller ab, als gehofft.

Die gnadenlose Zeitanzeige auf dem Bildschirm teilt mir mit,

dass es nun immerhin schon dreizehn Uhr dreiunddreißig ist. Ich überlege, ob ich einen weiteren Scan starten soll oder damit warte, bis die nächste Waschmaschine fertig ist. Schließlich ist es erst die Dritte heute. Bald sind die Unterhosen und T-Shirts zu dünn, um sie noch einmal zu waschen.
Der Herd ist auch schon geschrubbt, hoffentlich merkt meine Frau das und lobt mich. Nach viermaliger Kontrolle der Platten und des Metallfeldes musste ich feststellen, dass keine neuen Fettspritzer dazugekommen sind. Wie auch, hat ihn ja keiner benutzt.
Oder doch noch schnell einen Virusscan? Oder nochmal in die Bank schauen, ob sich da etwas in der letzten halben Stunde geändert hat?
Nein, mir ist nicht langweilig!

Sommerfrische
Sommerfrische, in der keine Zeitnot herrscht.

Mein Dampfer, also die Zimmershisha, ist gereinigt und befüllt. Sie sieht aus wie neu, was sie ja auch ist, und genügend Flüssigkeit befand sich ebenfalls im Verdampfer, aber stolz habe ich noch einen Tropfen hineinpressen können.
Virusscan?
Herd reinigen, oder aber ein Tropfen hat sich vielleicht vom Wasserhahn gelöst und ich kann das Spülbecken reinigen? Nochmal!

Wenigstens kann ich heute Nachmittag die Winterreifen ins Auto laden und morgen früh zur Werkstatt fahren.

Noch vor zwei Monaten erledigte ich solche Aufgaben nebenher, ohne ihrer gewahr zu werden, jetzt bestimmen sie den Tagesablauf. Ich lechze regelrecht danach.
Nach wie vor bemühe ich mich, alles in kürzester Zeit zu erledigen, um den Hauptanforderungen gerecht zu werden. Werde ich es lernen, die Zeit, die mir nun zur Verfügung steht, die ich mir immer gewünscht habe, um meinen Traum zu verwirklichen, effektiv zu nutzen und vor allem zu genießen?
Mit einem Mal graut es mir doch ein wenig davor.
Oder doch noch einen Virusscan? Man weiß ja nie.
Erstaunlicherweise hat sich auch auf den Konten, seit der letzten Kontrolle, vor immerhin einer Stunde, nichts geändert.
Der Kopf sagt mir, setzt dich in Ruhe hin und lese. Danach genießt du den Mittagsspaziergang mit dem Hund und bearbeitest anschließend die Tastatur, nicht um erneut das Virusprogramm durchlaufen zu lassen, sondern um den Roman, den du anfingst zu schreiben, endlich fortzuführen und zu vollenden.
Was macht eigentlich der Herd? Vielleicht hat das Metall ja ein wenig Pflege nötig?
Der Körper möchte los hetzten, so wie er es seit Jahrzehnten gewohnt war, er versucht, den Geist zu überlisten, indem er Hektik und Anspannung, Rastlosigkeit und Eile hervorruft.

Und ich bin doch erst seit achtundvierzig Stunden aus der Knochenmühle raus.