von Thomas Günter

Von Einem der auszog und sein Leben umkrempelte.

Ich bin jetzt dreiundfünfzig Jahre alt, glücklich verheiratet, die Kinder sind aus dem Gröbsten heraus und stehen auf eigenen Beinen.
Es stellt sich die Frage, was tun mit meinem Leben?
Den Begriff Midlife-Crisis weise ich weit von mir, denn schon lange schlummert der Gedanke in meinem Kopf, dass eine Sache in meinem Leben grundsätzlich falsch gelaufen ist.
Als Kind des Berliner Bildungsbürgertums, geboren Mitte der sechziger Jahre, die Eltern beeinflusst durch den Krieg und erschreckt durch die Studentenunruhen, hat man etwas Ordentliches, etwas Reelles zu erlernen und zu studieren.
Flausen wie Kreativität wurden, wenn überhaupt akzeptiert, verbissen in Bahnen gelenkt und kanalisiert, so dass ein gebührender und ehrbarer Beruf dabei herausspränge.
Schon als Kind habe ich mir, noch bevor ich schreiben konnte, Geschichten ausgedacht und vor allem erzählt.
Die Reaktion der Erwachsenen bestand meist in der knappen Aussage, ich solle nicht rumspinnen und meine Zeit mit sinnvollen Dingen verbringen.
So wurde mir von frühster Kindheit an eingeredet, wo meine Stärken und Begabungen lägen und dass ich deswegen diesen einen bestimmten Beruf ergreifen solle und wolle. Ab einem bestimmten Punkt, glaubt man den Mist dann selber.

Ist wie bei der Persilwerbung. An der 5 Kilo Trommel verdienen wir uns nur dumm, an der 10 Kilo Trommel dagegen dumm und dämlich.

Erst viele Jahre später ist mir die besondere Tragik dahinter aufgegangen,

als ich gewahr wurde, dass der besonders fordernde Elternteil seine eigene Kreativität, seinen Schöpfergeist, sein Talent aus seinem Leben gebannt hatte, aus Angst zu scheitern.
Dennoch schrieb ich, zumindest bis zum Beginn des Studiums, weiter kleine Geschichten, nun ausschließlich für mich selber und verbarg sie vor meiner Umwelt.
Die Hochschulausbildung und die, wie selbstverständlich, daraus folgende Selbstständigkeit spannten mich mit durchschnittlich siebzig bis achtzig Wochenstunden ein, so dass der Geist keine Ausflüge in fremde Welten mehr unternahm, unternehmen konnte, unternehmen wollte.
Einzig das Lesen, das Verschlingen anderer Leben in Buchform blieb, und so schuf ich mir zumindest eine ganz beeindruckende Privatbibliothek. Ein großer Begriff, sie dürfen sich nicht so ein imposantes Gebäude wie die Staatsbibliothek oder etwas vergleichbares vorstellen, eher ein schlecht sortiertes aber gut gefülltes Antiquariat.  Einen kleinen Ausschnitt davon können sie auf der Startseite bei den Instagramfotos erkennen.
Zum Glück fand ich in meiner geliebten Frau eine Seelenverwandte, die der Sammellust und Leidenschaft für Bücher ebenso anheimgefallen ist wie meine Wenigkeit.
Sie war es auch, die meinen Erzählungen als erste Gehör schenkte, bei der ich den Mut fand, ihr meine erdachten Storys zu hinterbringen, und die mich bestärkte, die Geschichten doch aufzuschreiben, die ich ersann, ersinne und erfinde.
Und somit begannen zunächst Versuche, das, was ich über mehr als dreißig Jahre nicht getan hatte, zu reaktivieren. Es geschah das Wunderbare, das Unfassbare, die Befriedigung, die Erfüllung, das Gefühl etwas Sinnvolles zu tun, das, was mir in meinem Beruf immer versagt blieb, stellte sich in dem Moment ein, als ich mich hinsetzte, Füller und Papier zur Hand nahm und los schrieb.
Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit fanden ihren Weg aus der Dunkelheit. Ideen, Gedanken, Konzepte, die mein Unterbewusstsein offenbar über die lange Zeit beschäftigt hatten, spülten nach oben, unaufhaltsam, gleich einer Sturmflut …

-to be continued-